Geld anlegen für Einsteiger

Wer sein Geld selber anlegen will, anstatt in die Dose zu sparen, setzt sich unüberschaubaren Risiko aus: Kompliziert ist die Welt von Börse und Kapitalmarkt. Damit ein Depot Ertrag bringt, braucht man viel, viel Startkapital. Und für Finanzgeschäfte dieser Art eignen sich obendrein besser Männer als Frauen. – Ist das so: Treffen diese Thesen zu? Oder tragen Faktoren wie Angst und mangelndes Wissen eventuell dazu bei, dass sich manches Halbwissen hartnäckig als Geld-Mythos entfaltet. Hier folgt ein schneller Faktencheck für Kapitalmarkt Dummies.

Der Mensch ist ein Sparer. Die überwiegende Mehrheit hortet Erspartes in kurzfristigen, sehr niedrig verzinsten Sparprodukten wie Sparbuch oder Girokonto. Das zeigt eine europaweite Studie von JP Morgan Asset Management aus dem Jahr 2018. 56 Prozent der Befragten setzen auf das Sparbuch, sieben von zehn auf Festgeld. Investmentprodukte wie Fonds, Aktien oder Anleihen nutzen hingegen nur 24 Prozent.

Dabei interessant, die eifrigen Sparer und Sparerinnen verfolgen ein mittel- bis langfristiges Anlageziel. In anderen Worten: Die Ersparnisse müssten gar nicht täglich verfügbar sein!

Wie erklärt sich dieses ineffiziente Anlageverhalten. Die Befragten finden selbst Antworten. Angst vor drohenden Verlusten, Unwissenheit und Abneigung vor Risiko sind die am öftesten angeführten Gründen für die unproduktive Sparweise. 92 Prozent der Österreicher*Innen sparen, doch nur 28% nutzen eine Anlageform am Kapitalmarkt. Das hat Folgen. Denn obwohl Herr und Frau Österreicher überdurchschnittlich fleißig sparen, sind die Erträge niedrig.

Du willst vom Sparer zum Anleger werden, doch schiebst das Thema vor dir her? 

Teures Halbwissen: Die sechs bekanntesten Vorurteile.

  1. Geldanlage ist nur was für Reiche. Auch bekannt als: Geld anlegen zahlt sich erst mit hohen Summen aus. 
  2. An der Börse kann man nur Geld verlieren. 
  3. Finanzgeschäfte sind viel zu riskant für den Normalverdiener.  
  4. Anlegen ist viel zu kompliziert für Laien. 
  5. Mir fehlt die Zeit, mich auch noch umständlich um meine Finanzen zu kümmern.
  6. Finanzgeschäfte sind Männersache.

Hier kommt der Faktencheck der bekanntesten Vorurteile rund um Geld und Finanzen.

Mythos 1: Geldanlage ist nur was für Reiche. Aka: Ich hab nicht so viel Geld, dass es sich auszahlt.

Am Kapitalmarkt lässt es sich nur mit großen Beträgen mitmischen. Bei kleinen Beträgen zahlt sich der Aufwand doch nicht aus. 

Dazu ein Rechenbeispiel am Kleinstbetrag. Angenommen, du sparst ab heute jede Woche 10 Euro. Das entspricht etwa zwei Schachteln Zigaretten. Mal ehrlich, ein paar Glimmstängel weniger machen dich weder unglücklich, noch entzugszittrig. Und es schadet nicht. Also los! Auf diese Weise im Monat acht Packungen Zigaretten weniger, schon sind 40 Euro gewonnen. Mit etwas Durchhaltevermögen macht das 480 Euro im Jahr! Weiter so für dreißig Jahre – tadaa – aus zwei Zigarettenpackungen werden 14.400 Euro. Gut, nicht wahr?

Wer dieses Geld mit einer durchschnittlichen Verzinsung von drei Prozent am Kapitalmarkt anlegt anstatt es auf das Sparbuch zu tun, erwirtschaftet Ertrag. Nach Abzug der Kapitalertragssteuer – 27,5% in Österreich und ohne Berücksichtigung eines Freibetrages – macht das 20.219,44 Euro. 5.851,27 Euro Ertrag allein für den Verzicht auf zwei Packerl (Anm., Schachtel auf Österreichisch) Zigaretten in der Woche. 

Wenn das nicht lohnt …
Wofür gibst du in der Woche 10 Euro aus? 

Nun scharren schon die Profis in den Startlöchern: Die Inflation! Danke. Die Kaufkraft des Geldes verändert sich über die Zeit. Nehmen wir an, dass die durchschnittliche Inflation über die kommenden 30 Jahre bei zwei Prozent liegt. Aus deinen 10 Euro in der Woche verbleibet dann noch immer ein mehr von 1.684,36 Euro nach Steuer und Inflationsbereinigung. Und deine 10 Euro vor 30 Jahren entsprechen auch noch den aktuellen 10 Euro. Womit wir schon bei Mythos 2 sind.

Lust auf Zahlenspiele? 
Hier sind drei Zins- und Ertragsrechner, die auch wir nutzen:

Mythos 2: An der Börse kann man nur Geld verlieren.

Kurseinbrüche, Blasenbildung, Betrugsfälle – kaum ein Tag, an dem du nicht von der wilden Welt des Börsenhandels hörst. Dafür verantwortlich ist der Nachrichtenwert, der entscheidet, welchen Einflussfaktor Ereignisse in den Medien erzielen. Weltweit trifft es zu, dass schlechte Nachrichten mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Das wirkt sich auch auf die individuelle Wahrnehmung von Gefahreneinschätzung aus. “Heute wieder über 27.000 Flugzeuge ohne Vorfall unterwegs.” Ein Titel wie dieser scheint undenkbar. Dafür lesen wir vereinzelt von Flugzeugabstürzen und nehmen diese als dramatisch wahr. Das Ergebnis: Viele halten Fliegen für riskant. Statistisch gesehen ist Autofahren deutlich gefährlicher. 2017 verloren 25.300 Menschen bei Verkehrsunfällen in der EU auf der Straße ihr Leben. Im Vergleich dazu gab es 2017 weltweit nur 19 Todesopfer im Flugverkehr

Ein paar Zahlen zur weltweiten Entwicklung der Börsen:

  • Die Rendite bei einer weltweiten Aktienanlage lag seit 1900 bei 5,2 Prozent im Jahr. 
  • Für Anleihen ermittelten Forscher eine jährliche Rendite von 2 Prozent. 
  • Über die letzten 50 Jahre, brachten Aktien weltweit jährlich 5,3 und Anleihen 4,4 Prozent. 

Im Vergleich dazu, erzielte das vermeintlich sichere Gold im selben Zeitraum nur 0,7 Prozent Rendite. Soweit eine Studie aus dem Jahr 2018. 

Diese Entwicklung am Zigaretten-Beispiel: 10 Euro anstelle von zwei Zigarettenschachteln über 30 Jahre mit 5,2% Ertrag und einem Steuersatz von 27,5% angelegt, ergeben am Ende 26.438,53 Euro Taschengeld. Und einen frischen Atem.

Mythos 3: Das ist doch alles viel zu riskant.

Frau Durchschnittsösterreicherin geht mit 59,3 Jahren in Pension und bezieht dann 1.292 Euro brutto Pensionsgeld. Im Vergleich dazu sind Männer mit 61 Jahren zu Pensionsantritt etwas älter. Ihre Bruttopension fällt mit über 2.200 Euro um 1.000 Euro höher aus. Weiter gedacht bedeutet das für Frauen in Österreich: Es ist riskant, gutgläubig in die Zukunft zu leben mit dem Vertrauen, dass sich im Alter alles zum Guten fügen wird.

Hoffnung ist riskant. Angesichts modriger Sozialversicherungsstrukturen ist es blauäugig zu hoffen, dass dringend notwendige Strukturänderungen und Reformen durchgeführt werden. Im Vergleich mit drohender Altersarmut ist es demnach weitaus weniger riskant, ein Stück weit in Richtung finanzieller Vorsorge zu arbeiten. Die Hoffnung führt mitten ins Damoklesschwert. 

Leben ist lebensgefährlich. Natürlich bergen Geldentscheidungen immer Risiko. So wie jede Entscheidung auch ein Wagnis ist. Richtig oder falsch, Erfolg oder Misserfolg – was die Zukunft bringt, weiß niemand. Deshalb sollte das Fehlen einer schmucken Glaskugel kein Grund bleiben, die eigenen Finanzgeschäfte auf die lange Bank zu schieben. 

Geldanlage und Risiko: Hier ein paar Tipps für niedriges Risiko in der Geldanlage:

  • Langfristig denken. Veranlage langfristig für 15 bis 30 Jahre. 
  • Bunt mischen. Das Sparbuch ist ebenso wenig sicher, wie der Goldbarren oder die Aktie. Der bunte Mix reduziert die Risiken des einzelnen Investments.
  • Smart einkaufen. Kaufe nur das, was du verstanden hast. 
  • Klug entscheiden. Investiere in dein Money Mindset und dein Know-how. Optimiere auf diese Weise deine Wahrnehmung. 

Mythos 4: Das ist viel zu kompliziert. Aka: Ich kenn mich nicht aus.

Leverage, Maximum Drawdown, KGV oder Turn Over Ratio. Am Kapitalmarkt sprechen sie Geheimsprache. Was für ein Unfug! Auf Dummies wirkt die Fachsprache sperrig. Klar doch! Doch das Fachchinesisch ist kein Grund das Thema auf ewig wegzuschieben. Jeder kann es lernen:

  • Zum Einlesen gibt es mittlerweile jede Menge Literatur, die auch ohne diese Begriffe auskommt oder diese in einfacher Sprache erklärt. Gib z.B. “Börse für Dummies” in die Suchmaske deines Buchhändlers ein.
  • Spezifische Fachbegriffe lassen sich in Klickeile entzaubern, indem du ein online Glossar wie das Lexikon der Börse Wien nutzt.

Mythos 5: Mir fehlt die Zeit dazu.

Keine Zeit, keine Zeit! – Wer gestresst durchs Leben jagt, wie das weiße Kaninchen im Märchen Alice im Wunderland, hat irgendwo am Weg den Blick für das Wesentliche verloren. Der Lektüre dieses Beitrags in „Die Zeit“ folgt eine interessante Beobachtung nach: Herr und Frau Österreicherin konsumieren täglich 524 Minuten Medien. Damit das klar ist, das sind fast neun Stunden. Jeden! Tag!

TIPP zum Zeitsparen.

Hast du das Gefühl, dir fehlt die Zeit, um neue Dinge anzugehen, führe doch am besten mal ein paar Tage lang eine Zeitliste. Damit kannst du überblicken, was unbedingt notwendig ist und wo du im Gegenzug Zeit sparen kannst. 
Was das bringt? Wenn du vom Sparer zum Anleger werden willst, jedoch noch völlig planlos dastehst, wirst du anfänglich ein bis zwei Stunden pro Woche investieren müssen. Das sind 17 Minuten am Tag. Kannst du 17 Minuten am Tag von deiner Medienzeit abzwicken?

Schon folgt der letzte, populäre Einwand. Der vielleicht auch dich bisher davon abgehalten hat, deine Finanzgeschäfte selbst anzupacken.

Mythos 6: Geld ist Männersache. 

Frauen besitzen weniger Geld als Männer. Im Global Wealth Report schätzen die Experten aus dem Credit Suisse Research Institut, dass etwa 40 Prozent des weltweiten Gesamtvermögens auf Frauen entfallen. Seit der Jahrtausendwende bleibt dieser Anteil gleich, nachdem es Frauen noch im 20. Jahrhundert gelingen konnte, ihr Vermögen zu vermehren. 

Die Gründe dafür sind vielfältig. Geschichtlich, strukturell, kulturell. Fest steht, weil Frauen weniger Vermögen haben, ist Geld Männersache. Im Umkehrschluss bedeutet das gleichzeitig: Von nix kommt nix. Gerade deshalb ist Geld Frauensache.

Für jede Frau ist es essenziell, sich selbst um ihre Finanzen zu kümmern. Siehe dazu auch Mythos 3. 

Geh das Thema an und nimm deine Finanzen in den Griff.

 

Quellen:

Börsenlexikon Börse Wien

Antrittsalter und Höhe – so entwickeln sich Pensionen in Österreich. Kleine Zeitung.

Spar- und Anlageverhalten privater Anleger in Europa, Quelle JP Morgan Asset Management 

http://www.jpmorganassetmanagement.de/de/showpage.aspx?pageID=628

https://www.manager-magazin.de/finanzen/boerse/geldanlage-studie-offenbart-irrtuemer-a-1197240.html

Bildquellen:

canva.com
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Comments(2)

    • X

    • 2 Wochen ago

    Der Kapitalertragssteuersatz für Erträge aus Wertpapieren beträgt in Österreich schon seit 2016 nicht mehr 25% sondern 27,5%. Den alten Steuersatz gibt es nur noch für Sparguthaben. Siehe auch https://www.finfo.at/steuern/kapitalertragssteuer/.

    1. Claudia

      Danke fürs aufmerksame Lesen, X. Du hast natürlich vollkommen recht. So kam es zum Wirrwarr: Wir sind hier im Vergleich mit Spareinlagen gestolpert. Denn Spareinlagen haben ja weiterhin eine Kapitalertragssteuer von 25% und, wie du richtig angemerkt hast, Kapitalerträge aus anderen Quellen unterliegen einer Kapitalertragssteuer von 27,5%.
      Der Text ist entsprechend angepasst. Liebe Grüße, Birgit & Claudia

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