Blog_Steinzeithirn_und_Börse

Wie sich steinzeitliche Verhaltensmuster im Zeitalter der komplexen Börsenwelt auf deine Geldanlage auswirken. Plus: Was du tun kannst, um deine Entscheidungen in Ertrag zu verwandeln. 

Hier greifen wir fünf Fragen auf, finden fünf Antworten und geben dir am Ende fünf hilfreiche Tipps mit.

Dieser Beitrag gibt Antworten auf 5 Fragen. Am Ende bekommt du noch 5 hilfreiche Tipps für kluge Anlageentscheidungen.

  • Warum du besser im Winter als im Frühjahr investierst.
  • Wie dich ein leckerer Snack erfolgreicher macht als ein murrend-knurrender Magen.
  • Wieso das persönliche Anlageverhalten besser in Verbindung mit der eigenen Erfahrung gesetzt wird.
  • Was Glückshormone und Stresshormone in der Geldanlage auslösen.
  • Weshalb du spontane Investments meiden solltest und sich Geduld bezahlt macht.

Der Aktienmarkt ist rund 400 Jahre alt. Vergleichsweise junge Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Das Gehirn des modernen Menschen hat sich in den letzten 150.000 Jahren nicht maßgeblich gewandelt. Passen wir nicht auf, verleitet uns dieses alte, hungrige und ungeduldige Gehirn zu Entscheidungen, die in unserer komplexen Welt von Nachteil für uns sind. 

Von Aktien-Ernte und Säbelzahn-Analysen. 

Etliche Stolperfallen rühren daher, dass wir in der relativ jungen Welt des Investments mit einer relativ alten Hardware arbeiten – dem menschlichen Gehirn. Ein Beispiel für die These vom Steinzeithirn gibt das Forschungsteam um da Rocha. In einer Untersuchungsreihe zum Investitionsverhalten wiesen sie 2013 weltweit wirksame saisonale Effekte im Aktienhandel nach. So nimmt die Lust auf Risiko in den Frühjahrs- und Sommermonaten zu, und nimmt im Anschluss daran über Herbst und Winter wieder ab. Fast so, als würde man die Ernte für die kalte Jahreszeit in Sicherheit bringen. Nicht, dass sich die kostbare Aktien-Saat noch Frostbeulen holte. 

Eine Erklärung für dieses scheinbar irrationale Verhaltensmuster findet die Neurofinanz. Hirnareale, deren Aufgabe es zu Säbelzahntigers-Zeiten war, Angriffe abzuwehren, beschäftigen sich heute mangels lebensbedrohlicher Alltagsszenen alternativ. Etwa mit der Einschätzung von Risiken am Kapitalmarkt. In der Säbelzahn-Analyse war Erfolg gleich Überleben und damit vor allem eines wichtig: Unmittelbare Reaktion zum Start in die lebensrettende Flucht. Diese Hirnareale sind einfach nicht so gut geeignet für die eingehende Analyse von komplexen, tiefgründigen Finanzmarkt-Problemstellungen. Dafür wurden diese Zellen ursprünglich nicht programmiert. Und so ist Verhalten, das einst entscheidend zur erfolgreichen Flucht vor Raubtieren beitrug, heute eine Stolperfalle in Verbindung mit Geldanlage. 

Mit wecheln Reaktionsmustern das Gehirn auf komplexe Anforderungen reagiert und welche Entscheidungen daraus entstehen, ist zudem stark abhängig von den ersten Erfahrungen. Ein portugiesisches Forscherteam untersuchte anhand von zwei Vergleichsgruppen, die individuelle Prägung durch frühe Investment-Erfahrungen und den Zusammenhang zu späteren Entscheidungen in der Geldanlage. Gruppe 1 sammelte erste Erfahrungen im Bullenmarkt mit nahezu konstant steigenden Kursen. Die zweite Gruppe startete in einem volatilen Seitwärtsmarkt. 

Frühe Prägung von Investment Erfahrungen. 

Die erstaunlichen Befunde: Abhängig von der gemachten Erfahrung, setzten die Studienteilnehmer unterschiedliche Hirnareale für die Vorhersage der Marktentwicklung ein. Unter volatilen Bedingungen neigten die Investoren zu Vorhersagen auf Basis unmittelbarer Information. Hingegen nutzten die Bullenmarkt-Teilnehmer*innen längere Datenreihen. Sie versuchten Gesetzmäßigkeiten und Regeln abzuleiten. 

Objektiv betrachtet ergeben beide Herangehensweisen Sinn. – Solange der Markt nur nicht dreht. Ändern sich Rahmenbedingungen, reagiert Mensch träge. Erst mit deutlicher Verzögerung passen Anleger*innen Erwartungen an den Markt an. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das individuelle Anlageverhalten sollte also immer in Verbindung mit der eigenen Geschichte betrachtet werden. Ganz besonders frühe Erfahrungen prägen sich ein und beeinflussen die Wahrnehmung. Wer in den 1990er die ersten Erfahrungen sammelte, verinnerlichte andere Verhaltensweisen als jemand, der erst 2005 in den Markt einstieg.

Schon die alten Griechen waren der Meinung, dass der Mensch von einem Lust- und einem Schmerzzentrum geleitet wird. Tatsächlich findet die moderne Neurowissenschaft Belege für zwei derart strukturierte Bereiche: Das Belohnungszentrum im Limbischen System und Neocortex. Für Angst und Stress-Empfinden werden die Hirnanhangsdrüsen Hypothalamus und Hypophyse und die Nebennierenrinden aktiv. Während über das Belohnungszentrum mit der Ausschüttung des Glückshormons Dopamin Lust und Freude wahrgenommen und verstärkt wird, ist es das Stresshormon Kortisol, dass uns bereit zu Flucht und Kampf macht, bevor es uns an den Kragen geht. 

So wirken sich die Gefühlshormone auf die Geldanlage aus. 

Sie lassen uns risikofreudiger im steigenden Markt sein. Hingegen werden wir uns vom Risiko ab, sobald der Markt fällt. Als Folge davon kaufen wir teuer ein (wenn andere auch kaufen) und verkaufen billig (wenn andere auch verkaufen). Anders gesagt: Nicht die beste Ertragsaussicht.

Mehr wollen, weniger bekommen. Verhalten, das unmittelbar zu einer Belohnung führt, lässt den Glückshormon-Spiegel Dopamin ansteigen. Ein angenehmes Gefühl von Glück und Zufriedenheit stellt sich ein. Je unerwarteter eine Belohnung, desto stärker die hormonelle Reaktion. Davon wollen wir mehr. Wir werden risikofreudig. Nach großen Gefühlsschwankungen stellt sich jedoch schnell wieder ein stabiles Glückslevel ein. So gewöhnen wir uns an größere Erfolge und brauchen noch größere, um wieder einen bedeutenden Glücks-Unterschied zu erleben. Dieses Verhalten wird auch als hedonistische Tretmühle beschrieben.  Denn auch beim Geld, ist die Vorfreude die größte Freude. Der Ökonom Robert Shiller geht davon aus, dass diese Gier eine Aufwärtsspirale zum Glück befeuert, die Ursache der Blasenbildung am Kapitalmarkt ist.

Wer weniger handelt, macht mehr Rendite.

Glück und Belohnung sind den menschlichen Instinkten nicht genug. Unsere Programmierung verlangt nach unmittelbarem Handeln. Für die Nahrungssuche und den Nestbau ist diese natürliche Ungeduld ein kluger Motivator. In der Geldanlage hingegen nicht. Voneinander unabhängige Studien zeichnen ein klares Bild: Mit zunehmender Trading-Frequenz sinkt der Portfolio-Ertrag. Wer mehr handelt, macht weniger Rendite. Das verdeutlicht eine Analyse von Fidelity International: Wer zwischen dem 31. Dezember 2007 und dem 31.Dezember 2017 voll im MSCI Europe Index investiert war, erzielte eine Rendite von knapp vier Prozent im Jahr. Wer zwischendurch ausstieg und die zehn besten Tage über die Gesamtlaufzeit verpasste, musste ein jährliches Minus von 2,62 Prozent verkraften. Noch häufigeres Aus- und Wiedereinsteigen kam besonders teuer: Wer die besten 40 Tage verpasste, verbuchte bittere 12 Prozent Minus im Jahr.

Auf Bedürfnisse achten: Batterien aufladen.

Zwar ist der Mensch keine Maschine, doch das Gehirn ist sein Motor und damit ein echter Energiefresser. Auch wenn es nur höchstens drei Prozent des eigenen Körpergewichts ausmacht, verbraucht es ein Viertel der Gesamtenergie des Körpers. Jede Menge Energie in Form von Zucker wird gebraucht und für mögliche Engpässe gibt es ein ausgeklügeltes Frühwarnsystem. Wird die Versorgung knapp, zeigt sich das durch Konzentrationsstörungen, leichten Kopfschmerzen, Müdigkeit. 

Um Engpässe zu vermeiden, gibt es auch körpereigene Energiesparmethoden. Mentale Shortcuts zum Beispiel. Das sind gedankliche Abkürzungen für die effiziente Erfassung von komplexen Prozesse. Beispielsweise der Berechnung der Flugbahn eines Fußballs. Die Psychologie bezeichnet diese Abkürzungen als Heuristiken. In vielen Alltagssituationen leisten sie wertvolle Dienste. Wer will denn schnell mal Physik-Nachhilfe nehmen, um nachmittags um vier beim Dorf-Kicken mitzuspielen? Zum Hindernis werden Heuristiken in abstrakten und komplexen Situationen. In Geldfragen legen sie uns teilweise falsche Schlussfolgerungen nahe und drängen nach Entscheidungen.

Ungeduldige Entscheidungen im Modus Rettung.

Fällt der Blutzuckerspiegel ab, fährt das Energie-Versorgungssystem das Notfall-Programm hoch. Das Gehirn fällt schrittweise in den Modus Rettung! Eine Heuristik nach der anderen wird abgefeuert, um Energie zu sparen. Niedriger Blutzucker signalisiert auch im 21. Jahrhundert: Leben oder Streben! Hunger erhöht impulsives, risikofreudiges Verhalten. Die einprägsame Erkenntnis für Investor*innen: Wer hungrig eine Order aufgibt, greifen wahrscheinlicher zu Investments, deren Risiko er nicht bereit wäre einzugehen, wäre er satt.

Auch der Autor Daniel Kahnemann stellt in seinem Buch “Schnelles Denken, langsames Denken” die Auswirkungen des menschlichen Stoffwechsels auf sein Entscheidungsverhalten dar. Das zeigt sich zum Beispiel am Anteil von angenommenen Bewährungsanträgen, der kurz nach dem Mittagessen seinen Höhepunkt hat und im weiteren Tagesverlauf abnimmt.*

Situationselastisches Wertempfinden. Bevor wir zum Schlussresümee kommen, noch ein kleines Gedankenspiel. Erinnere dich an deine letzte Wanderung: Schritt für Schritt ging es hinauf auf den Berg. Die Sonne brannte. Die Zunge trocken vor Durst. Der Magen leer, weil die Kinder den Proviant schon auf der Hinfahrt vertilgten. Dann endlich oben. Die Hütte! Die Brettl-Jause mit dem kalten Bier schmeckte famos, allerweltbest. Auch das Tiefkühlgermknödel kann jenem markengleichen von der Schihütte niemals den Powidl (österr. für Pflaumenmus) reichen. Warum das so ist, hat etwas mit dem Wertempfinden auf sich. Dessen Wahrnehmung passt sich situationselastisch an den Zustand an. Trifft die Extremsituation urlaubsverblendeter Zufriedenheit auf akuten Blutzuckerabfall und knurrenden Magen, fällt die Schwelle für Kritik zu Boden. Hunger ist der beste Koch. Von diesem ganz natürlichen Verhalten beeinflusst sind natürlich auch alle Anlageentscheidungen: Darum besser nach einem guten Mittagessen kaufen, die eingestellte Zufriedenheit beugt Impulskäufe vor.

So wird Entscheidung zu Ertrag.

Halten wir fest, unser Gehirn ist genial, doch seine Funktionsbereiche sind etwas in die Jahre gekommen. Wer erfolgreich Geld anlegen will, sollte reflektiert entscheiden. Mit diesen Tipps trotzt du steinzeitlichen Verhaltensmustern.

  • Versorge dich mit Treibstoff = Zucker. Das ist ein starker Tipp für tragfähige Entscheidungen. Denn ein hungriges Hirn entscheidet ungeduldig, spontan, impulsiv, risikofreudig. Schon ein Apfel kann deine Anlageentscheidungen verbessern. 
  • Du fühlst dich prickelnd, in dir brodelt Euphorie oder Panik? In diesem Moment bist du selbst die größte Gefahr für dein Geld. Dreh den Computer ab! Sobald du dich wieder ausgeglichen fühlst, bist du bereit, um gute Handlungen zu setzen.
  • Vorschnelle Urteile lassen sich umgehen, indem du strukturiert an die Sache ran gehst. Überlege, was du bei deiner Anlage berücksichtigen möchtest und musst. Schreibe dir auf eine Seite die wichtigsten Punkte zusammen. 
  • Was-wäre-wenn-Zauberfrage. Lass deinem Hirn keine Wahl. Tricks dich mit der was-wäre-wenn-Frage aus, um an Standardantworten vorbei zu denken.
  • Spontane Transaktionen sind wie Impulskäufe im Outlet-Center. Du willst sofort handeln? Mach einen Spaziergang, hol’ den Staubsauger raus oder vertief’ dich in das erste 5.000 Teile Puzzle deines Lebens. Ungeplante Investments werden die Ladenhüter deiner Geldanlage. 

Und jetzt.
Grummelt der Magen.
Gönn dir was – Dein Versorgungszentrum braucht Energie und du hast dir eine Belohnung verdient! 

Literatur zum Weiterlesen

* Studie von Symmonds und Kollegen (2010). Sie vergleichen die Urteile von Richtern in Abhängigkeit der Nahrungsaufnahme. 

Kahneman, Daniel (2011) Thinking Fast and Slow. London, UK: Allen Lane

Symmonds M, Emmanuel JJ, Drew ME, Batterham RL, Dolan RJ (2010) Metabolic state alters economic decision making under risk in humans. PLoS ONE 5: e11090. [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]

Białkowski J, Etebari A, Wisniewski TP (2012) Fast profits: investor sentiment and stock returns during Ramadan. J Bank Financ 36: 835–845 [Google Scholar

Levy DJ, Thavikulwat AC, Glimcher PW (2013) State dependent valuation: the effect of deprivation on risk preferences. PLoS ONE 8: e53978. [PMC free article] [PubMed] [Google Scholar]

Vieito, João Paulo and da Rocha, Armando and Rocha, Fábio, Brain Activity of the Investor’s Stock Market Financial Decision (November 14, 2013). Journal of Behavioral Finance, Forthcoming. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2354407        

Mindset Money Podcast

Lieber hören statt lesen? Dann höre doch in die passende Podcastfolge MMP 002 “Steinzeithirn trifft digitale Geldanlage. Kann das gut gehen?hinein. Viel Spaß dabei!

 

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