Blog_Bestätigungseffekt

Was jeder Mensch mit dem Social-Media-Newsfeed gemeinsam hat. Warum wir immer recht haben. Und welche Probleme sich daraus für die Geldanlage ergeben. Plus: Techniken, die von der vorgefassten Meinung zur objektiven Beurteilung führen.

Finde heraus, wie objektiv du wirklich bist. Hol dir das Workbook zu diesem Artikel und teste dein Anlageverhalten.

Morgens passiert es fast schon automatisch: Wir nehmen das Smartphone zur Hand und starten mit sanften Fingerspitzen-Tipp ein soziales Netzwerk. Dort ploppt der Newsfeed auf, der Blick folgt dem intuitiven Fingerwisch. Augen werden zum Scanner – aus Text, Bild und Videomaterial formt das Gehirn eine Geschichte. In uns entsteht der Eindruck vom Wissen. Darüber, was unsere Welt derzeit bewegt. 

Social-Media-Newsfeed im menschlichen Gehirn. 

Das Weltbild aus einem solchen News-Feed hat einen Schönheitsfehler: Es ist verzerrt. Und zwar gleich in zwei Richtungen. Einerseits wählen wir die im Feed berücksichtigten Kanäle bewusst aus. In der Regel sind das Medien und Menschen, die wir mögen, weil sie unsere Überzeugung bestätigen. Andererseits speist sich der Algorithmus, das ist die zugrunde liegende, schematische Handlungsvorschrift, wiederum aus der digitalen Bestätigung. Das sind Interaktionen wie Likes, Klicks und Kommentare. Serviert wird demnach eine News-Essenz. Das interessanteste der eigenen Überzeugung. Objektiv entscheiden fällt auf dieser Wissens-Basis schwer.

Und jetzt der Kawumm. 

 

Der Confirmation Bias oder Bestätigungseffekt ist ein selektiver Informationsfilter, der ähnlich funktioniert, wie unser Social-Media-Newsfeed. 

Er sorgt für Ordnung in der Gefühlswelt. Indem er unsere Weltsicht-Brille rosa färbt und auf die Wahrnehmungslinse blinde Flecken setzt. Wer will schon andauernd Störfeuer löschen? Der Bestätigungseffekt lässt uns überwiegend und unbewusst nach solchen Informationen Ausschau halten, die unsere Überzeugungen bestätigen. So läuft Mensch rund.

Dazu ein spannendes Experiment der Stanford Universität, 1979. Das Wissenschafts-Trio C. Lord, L. Ross und M. Lepper stellt zwei Studenten-Gruppen zusammen. Alle Studenten füllen zum Thema Todesstrafe einen Fragebogen aus und halten auf diese Weise Ihre Meinung fest. Danach erhalten die Teilnehmenden die gleiche Literatur: Kopien von Artikeln, Untersuchungen, Fallstudien und Berichte über die Todesstrafe. Jeder liest für sich, ohne Ablenkung. Abschließend verfassen die Teilnehmenden ein Resümee, in dem sie den Einfluss der studierten Quellen auf ihre persönliche Haltung zur Todesstrafe zusammen fassen. 

Das Ergebnis beeindruckt. Obwohl beide Gruppen die gleichen Quellen gelesen hatten, fühlte sich jeder in seiner Überzeugung bestärkt. Wer zuvor pro Todesstrafe war, fand in den Quellen bestätigende Fakten. Die Todesstrafen-Gegner zeigten sich nach dem Experiment in ihrer Ablehnung bestätigt.

Der Confirmation Bias – ein hinterlistiger Trickser.

Das Todesstrafen-Experiment zeigt: Der Bias ist ein mächtiger Filter. Und ein hinterlistiger Trickser. Wir glauben, Fakten zu checken. Doch in Wahrheit prüfen wir, ob wir recht haben. Damit könnte dieser neuronale Wahrnehmungsfilter tatsächlich als Vorläufer des Social-Media-Algorithmus durchgehen. Selektiert wird Pro von Contra: Was gegen unsere Überzeugung spricht, wird gnadenlos ausgespart.

Spiel mit beim Kartenquiz und teste, wie objektiv du bist.

Objektivitäts-Check. Wie steht es um deine Urteilskraft? Lass dich auf ein kurzes Gedankenspiel ein und finde heraus, wie objektiv deine Entscheidungsbasis wirklich ist.

 

Das Kartenquiz macht deutlich: Je mehr bestätigende Informationen wir finden, umso stärker sind wir nachfolgend von unserer Meinung überzeugt.

Widerstand abwerten. Was passiert mit rationalen Argumenten, wissenschaftlichen Fakten, klaren Beweisen, die gegen die eigene Überzeugung sprechen? Unfug, sagt der Bias und wertet ab. Die Glaubwürdigkeit der Informationsquelle wird in Frage gestellt.

So wirkt der Confirmation Bias in der Geldanlage.

Gerade heute, wo der digitale Äther Für und Wider zu jeder Lebensfrage kennt, ist es besonders wichtig den Confirmation Bias zu kennen. Auch vernünftige, weil objektive Anlageentscheidungen sind mit der Bestätigungstendenz in Gefahr.

Der Bias bevorzugt Reize, die der bereits vorgefassten Meinung entsprechen. Gegensätzliche Informationen, etwa rationale Argumente, wissenschaftliche Fakten, unumstößliche Beweise werden abgewertet oder ignoriert. Der Filter lässt störende Inputs einfach nicht durch. Weshalb in die Entscheidungsfindung widersprechende Information nur schwer einfließen können. Hier ist die Grenze der Objektivität erreicht. Denn es führt dazu, dass bestätigende Information stärker wahrgenommen wird. Was die vorgefasste Meinung weiter bestärkt. Ein Teufelskreis.

Anlage auf den ersten Blick. Die Konsequenz daraus: Der erste Eindruck eines Investments gewinnt. Hier ähnelt die Geldanlage der Liebe. Ist der Eindruck gut, werden Qualität und Renditeerwartung überschätzt und das anhaftendes Risiko unterschätzt. Ein schlechter erster Eindruck führt dazu, Risiko stärker wahrzunehmen und Chancen zu ignorieren. So oder so. Der Wahrnehmungsfilter verhindert eine objektive Beurteilung. Genau genommen endet die Objektivität schon mit dem ersten Wimpernschlag.

Was tun für mehr Objektivität in der Entscheidungsgrundlage. 

Doch es gibt eine Lösung. Psychologen sprechen von Debiasing-Techniken. Das Schlüsselwort ist Reflexion

  • Gezielte Denkanstöße helfen, den Filter zu reinigen und machen ihn durchlässiger für Contra-Positionen

  • Fragen an das Ich: Was spricht dafür? Was spricht dagegen?

  • Fragen für die Geldanlage: Welche Risiken kommen mir unwahrscheinlich vor? Welche Chancen empfinde ich als äußerst überraschend?

  • Argumentationen für gegensätzliche Meinungen suchen. Zum Beispiel, indem man mit Menschen anderer Überzeugung spricht. Die fremden Argumente schriftlich notieren und auf diese Weise festhalten.

Herausforderung annehmen: Glasklares Wissen statt trübe Überzeugung. 

Zugegeben, diese Techniken sind aufwändig. Auch deshalb, weil sie an die innersten Überzeugungen gehen können. Wer gesteht schon gerne Fehler oder Irrtum ein? Wer die blinden Flecken der eigenen Wahrnehmungslinse ausfindig macht und enfernt, ist im Vorteil. Je klarer, weil objektiver der Blick, desto besser, weil objektiver die Entscheidung. Anlagen sind frei von Überzeugungen. Insofern lohnt es sich, die Herausforderung anzunehmen. Die Folge ist ein besseres Ertragsergebnis. 

Weiterlesen, weitersehen, weiterdenken

Ultralataiv Erklärvideo: Ja. Du hast recht!

Want to win a political debate? Try making a weaker Argument! In: Pacific Standard

Lexikon der verhaltenswissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre: Confirmation Bias.

Lord, C. G., Ross, L., & Lepper, M. R. (1979). Biased assimilation and attitude polarization: The effects of prior theories on subsequently considered evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 37(11), 2098-2109 http://dx.doi.org/10.1037/0022-3514.37.11.2098

Sabaurian, Hamid & Silbert, Anne C. (2009): Banker compensation and confirmation bias. London : Centre for Economic Policy Research

Shefrin, Hersh (2007): Behavioral corporate finance : decisions that create value, Bosten: McGraw-Hill/Irwin

Wood, Thomas and Porter, Ethan, The Elusive Backfire Effect: Mass Attitudes’ Steadfast Factual Adherence (December 31, 2017). Forthcoming, Political Behavior. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2819073 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2819073

           

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.