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Der Hang zur Selbstüberschätzung. So gestalten Privatanleger und Investoren ihre Entscheidungen erfolgreicher und vermeiden typische Fehler.

Erfolgreiche Anleger und Anlegerinnen handeln rational und folgen zielstrebig einer festgelegten Strategie. Erfolgreiche Anleger und Anlegerinnen sind Menschen. Was bedeutet, sie haben Emotionen, Erinnerungen und Erfahrungen mit im Gepäck. Im Umkehrschluss heißt das: Wo Menschen Geld anlegen, spielen Gefühle mit rein. Genau hier beginnt das Risiko für bestmögliche Rendite.  

Gier, Angst und Freude sind ständige Begleiter. Im Leben und an der Börse. 

Hören statt lesen: Die Podcasts zu diesem Blogbeitrag.

Selbstüberschätzung in der Geldanlage
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Lass uns ein kleines Experiment wagen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass du besser bist?

Schätze dich bitte selbst ein. Finde passende Werte auf einer Skala von 1 bis 10. 

1 bedeutet gar nicht  bzw. sehr schlecht. 10 steht für super bzw. nicht zu übertreffen.

Hier die Schätzfragen für dich:

  • Wie intelligent bist du? 
  • Wie gut fährst du Auto?
  • Wie erfolgreich bist du mit deinen Anlageentscheidungen?

Fertig?

Sieben von zehn Menschen geben sich bei zumindest zwei der Fragen einen Wert von fünf oder höher. Sie ordnen sich über dem Durchschnitt ein. Bist auch du überzeugt, besser zu sein, als es die anderen sind?

Was dieser kleine Versuch zeigt: Mensch sein bedeutet,  superheldisch sein. Nicht immer, aber in gewissen Situationen. Eben dieses Phänomen lässt sich auch in der Geldanlage beobachten. 

Der Hang zur Selbstüberschätzung. 

Viele Anleger überschätzen sich und ihre Fähigkeiten.  Auch Profis sind davor nicht gefeit. Der Fachbegriff für diese Fehlleistung ist overconvidence bias oder Selbstüberschätzungs-Tendenz. Nobelpreisträger Daniel Kahneman (Prospect Theory) bezeichnet in seinem Bestseller “Schnelles Denken, langsames Denken” den Overconfidence Bias als allgegenwärtigen Effekt und sieht in ihm die wirkmächtigste kognitive Verzerrung. 

Typische Anlagefehler unter dem Einfluss der Selbstüberschätzung.

Allzu oft kommen tiefgreifende Gefühle Anleger teuer zu stehen. Sie sorgen für mickrige Renditen bei der Geldanlage oder verführen uns zu Investitionen. Einige Fehler sind weit verbreitet:

Fehler 1 | Alles auf eine Karte.

Ist eine anlegende Person von ihren Entscheidungen überwiegend überzeugt, versucht sie mit der gezielten Auswahl von Aktien und anderen Wertpapieren den Markt zu beherrschen. Was dabei vergessen sie den Grundsatz der Diversifikation: Verschiedene Anlagen in einem Depot tragen dazu bei, das Risiko der einzelnen Positionen gering zu halten. Stattdessen setzen Sie alles auf eine Karte. 

Fehler 2 | Wissen macht erfolgreich.

Andere Finanzmarktteilnehmende glauben, bestimmte Unternehmen besonders gut zu kennen und greife deswegen zu Aktien dieser Organisation. Im Glauben des besseren Wissens überschätzen diese Anleger und Anlegerinnen auch Ihre Qualität zur Vorhersage und Entwicklung der Aktien – Stichwort market timing. Ein- und Ausstiege zum richtigen Zeitpunkt sollen die Rendite verbessern. In der Praxis schlägt aktives Portfoliomanagement aber oftmals fehl, wie wissenschaftliche Studien gezeigt haben. In einer Studie von Odean (1998) im Zeitraum 1991 bis 1997 erzielte aktivere Anlegende eine Nettorendite von 11,4 Prozent, jene Depots mit wenig Aktivität verbuchten 18,5 Prozent Rendite.
Market timing drückt die Rendite, weil es die Gefahr birgt, die besten Börsentage zu verpassen. Reges Handeln an der Börse ist obendrein auch nicht umsonst. Was ebenfalls die Rendite schwächt.

Fehler 3 | Der Markt ist unfehlbar.

Trends gibt es auch an der Börse. Anlegende, die bisher überwiegend gute Erfahrungen gemacht haben, orientieren sich am Kaufverhalten der Mehrheit. In anderen Worten: Sie investieren in Anlagen, die gerade modern sind. Bringt ein Tech-Unternehmen ein neues Produkt auf den Markt oder stehen zwei Weltkonzerne vor der Fusion, läuft der Marketing-Maschinerie auf Hochtouren. Das wiederum gibt aber keinen Hinweis auf die künftige Entwicklung. 

Fehler 4 | Aus Zuneigung kaufen.

Nicht wenige Anleger fühlen sich einem bestimmten Land, einzelnen Unternehmen oder ganzen Branchen zutiefst verbunden. Persönlich gute Erfahrungen verleiten sie dazu Lieblinge zu haben. Und sammeln diese über dem Verhältnis im Depot zusammen. Diese Verzerrung ist als home bias oder Heimatmarktzuneigung beschrieben.

Fehler 5 | Sternenzauber Performance. 

Was haben der Blick auf funkelnde Renditen und jener in den sternenklaren Nachthimmel gemeinsam? Es handelt sich um Abbilder der Vergangenheit. So gut beides gefällt: Der Blick zurück sagt nichts über die zukünftige Entwicklung aus. Selbstüberzeugte Investorinnen und Investoren orientieren sich an der Performance einer Anlage. Sie gehen davon aus, dass diese auch in der Zukunft ähnlich ausfallen wird. Dafür gibt es jedoch keine Garantie.

Typische Denkmuster selbst überzeugter Anleger und Anlegerinnen.

So kannst du erkennen, ob du auch superheldisches Anlageverhalten an den Tag legst.

Nicht bei mir. Totalausfall oder hohe Verluste? Das passiert mir doch nicht! Andere tappen in diese Falle. Nicht ich.
Konsequenz: Du verzichtest auf ein gutes Risikomanagement und ausreichende Streuung. 

Den Dreh hab ich raus. Meine Anlageentscheidungen sind überdurchschnittlich gut. Ich sammle die Perlenen in meinen Portfolio.
Konsequenz: Wozu deine Investments kritisch hinterfragen? 

It’s all about … Kontrolle. Mein Handeln ist sehr überlegt. Ich bin gründlich informiert und weiß, was ich tue. Deshalb haben neue Informationen, die im Gegensatz zu meiner Meinung stehen, für mich keinen Mehrwert. Denn: Die anderen irren.
Konsequenz: Du verzichtest darauf, deine Meinung zu überdenken. Und verpasst den Moment deine Entscheidungen an neue Umgebungsbedingungen anzupassen.

 

Findest du dich in einer dieser Beispiele  wieder? 

Oder denkst du: Nein, das gilt für andere. Aber nicht für mich. 

Da ist er, dein overconvidence bias. Der tückische Trickser.

 

Wir halten drei typische Overconvidence-Helden fest.

Die drei Investor-Helden im Überblick.

Talentierte: Sieht sich als natürlich beschenkt mit Talent und ist deshalb überdurchschnittlich begabt für Geldgeschäfte und den Handel an der Börse.

Experte*in: Wähnt sich sattelfest in jedem Wenn-dann-Szenario und rechnet mit großen Erfolgsaussichten. Er heftet sich selbst große Geld-Kompetenz an und hat sich selbst immer dann unter Kontrolle, wenn es wirklich wichtig ist.

Prophet*in: Er glaubt an die größtmögliche Treffsicherheit der eigenen Prognosen und hat stets die passende Analyse parat. 

Du merkst es selbst. Es ist gar nicht einfach die menschliche Selbstüberschätzung abzulegen.  Doch es ist möglich. 

▶️Lies weiter und erfahre, was du tun kannst, um objektivere Anlageentscheidung zu treffen.

Erfolgreich investieren: Das können Anleger tun.

Wer Erfolg an der Börse haben will, sollte eine Strategie festlegen. Die Zusammenstellung der Depot-Werte soll dabei dem eigenen Risikoprofil entsprechen und unbedingt gut gestreut sein. Dazu braucht es auch ein vernünftiges Anlageziel. Geld schnell vermehren wollen ist kein vernünftiges Anlageziel. 

Ein weiterer Schlüssel für erfolgreiches investieren ist die Selbstreflexion. Dazu ein Zitat von James P. O’Shaughnessy:

“Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Investition liegt darin, zu erkennen, dass wir genauso anfällig für verzerrte Wahrnehmungen sind wie die nächste Person.” 

Diese vier Tipps helfen, die unerwünschten Nebenwirkungen von Selbstüberzeugung in deiner Geldanlage zu vermeiden. 

Bleib am Boden.
Atme ein. Atme aus. Spüre den Boden unter deinen Füßen. Erinnere dich besonders in jenen Momenten daran, in denen du dich fühlst, als könntest du fliegen. Du zeigst viele Eigenschaften vom Typ “Der Talentierte”? Frag dich vor jeder Anlageentscheidung: Was spricht gegen deine Meinung?

Stick to the plan.
Egal, was deine unmittelbar letzten Anlageentscheidungen gebracht oder verloren haben. Bleib bei deiner Strategie. Eine der wichtigsten Grundsätze kluger Anlageentscheidungen: Orientiere dich am Prozess und den Investment-Regeln. Nicht am Ergebnis. 

Spüre Wissenslücken auf.
Halbwissen stärkt die Tendenz zur Selbstüberschätzung. Finde deshalb heraus, was du nicht weißt. Das beugt dem Bestätigungsfehler vor.  Passend dazu der Podcast 006 Warum dich deine Meinung Geld kostet und was du tun kannst, um das zu verhindern. Der passende Blog-Beitrag zum Nachlesen: Die Grenze der Objektivität.

Schreib ein Finanz-Journal. 
Dokumentiere deine Anlageentscheidungen. Alle. Wie jeder Anleger neigst auch du dazu, deine Performance schlecht zu erinnern. Tendenziell erinnern Privatanleger die Performance besser, als sie es wirklich war. Mit einem Finanz-Journal, sicherst du dir den ungetrübten Rückblick

Die größten Vorteile der Selbstüberschätzung.

Warum neigt Mensch dazu, sich selbst zu überschätzen? Die Forschung hat darauf eine klare Antwort. Selbstsichere Menschen sind angesichts von Rückschlägen widerstandsfähiger. Psychologie bringt in diesem Zusammenhang den Begriff Resilienz. Das bringt gleich drei entscheidende Vorteile mit sich.

Eine positive Selbsteinschätzung wirkt sich günstig auf unser Selbstbewusstsein aus und lässt uns mutig und tatkräftig in die Zukunft gehen. Bei stark sinkenden Aktienpositionen bleiben selbstbewusste Anleger länger besonnen und schmeißen seltener das Handtuch.

Wer an seine superheldische Kraft glaubt, macht sich damit glücklicher und gesünder. Wie Studien zeigen, werden Zukunftssorgen und Ängste größer, wo die Selbstüberschätzung weniger wird. Der Blick durch die rosarote Brille und der Glauben daran, dass wir das schon schaffen, macht uns entspannter. 

Wer sich selbst überschätzt wird faktisch besser. Betrachten wir uns und unsere Zukunft positiver dann arbeiten wir härter und erreichen Ziele. Selbstsichere Menschen grübeln weniger und kommen ins Tun.

Resümee: Teure Selbstüberschätzung in der Geldanlage lässt sich vermeiden.

Wer im eigenen Spiegelbild einen Superheld oder eine Superheldin erkennt, profitiert von einer produktiveren, gesünderen und nervenschonenderen Grundeinstellung. In der Geldanlage verleitet die Selbstüberschätzung zu typischen Fehlern, die häufig Rendite kosten. Um fehlerhaftes Verhalten zu vermeiden, eignet sich rationales Entscheidungsverhalten, das zuvor in einer individuellen Anlagestrategie erarbeitet und festgeschrieben wurde.

Quellen

Alle Literaturangaben zu Studien und Lese-Empfehlungen in den Shownotes der Podcast Beiträge Folge 008 und Folge 009.

 

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